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Tuesday, October 17, 2006

"Wir waren eine geächtete Familie", Aziza Mustafa Zadeh Teil 4




AZIZA MUSTAFA ZADEH und ihre Mutter ELIZA im letzten Teil des Gesprächs mit ELFI OBERHUBER: Für Einführung und Teile 1+2+3 scroll down!


Wie sich Aziza in Deutschland und weltweit durchsetzt

Photo: Aziza Mustafa Zadeh (© Gai Jeger)



intimacy-art: Nun sind Sie in eine deutsche Stadt gezogen. Wann und warum verließen Sie Baku?
AZIZA: Ich habe noch immer mein großes Haus in Baku, aber Deutschland ist Teil Europas, und es gibt in dieser westdeutschen Stadt, wo wir leben, auch etwas Spirituelles, das ich liebe; es ist die Schwesternstadt von Baku.
ELIZA: Damit Teil unseres Landes.
AZIZA: Und vor allem das Land von Bach. Und so fühle ich mich in Deutschland als Wohnort wohl.
intimacy-art: Haben Sie da eine Gemeinschaft, einen neuen Kreis, wo Sie mit Deutschen zusammen kommen?
AZIZA: Sicher, wir haben viele Freunde.
ELIZA: Natürlich.
intimacy-art: Leben Sie nicht nur in der aserbaidschanischen Kultur?
AZIZA: Nein, mit Briten, Deutschen, Franzosen, Amerikanern, etc.
intimacy-art: Ist das eine reine Künstlergemeinschaft?
AZIZA: Nicht nur. Da sind auch einfache, ganz normale Leute dabei.
intimacy-art: Aber warum verließen Sie Ihre Heimat, wegen der Arbeit oder etwas anderem?
AZIZA: Es war Gottes Wunsch.
intimacy-art: Aha.
AZIZA: Wir sind alle Lebewesen und schwimmen in einem Fluß; wer wohin geht, etwas verläßt, keiner weiß es. Menschen sind so.
intimacy-art: Aber es muß doch trotzdem einen Grund geben, warum man etwas verläßt...
AZIZA: Der Grund ist eine Naturkatastrophe in gutem Sinne.
intimacy-art: Ah, dann war es wohl aus privatem Grund.
AZIZA: Nein, wissen Sie, das ist sehr abstrakt. Niemand kennt uns, und es gibt viele Fragen.
intimacy-art: Dann lassen wir Ihnen also dieses Rätsel.
AZIZA: Ich mag ja auch Puccinis Turandot sehr gern. Da gibt es auch Rätsel.
intimacy-art: Wie leicht oder schwierig war es nun für Sie als Frau, sich in den Künsten Aserbaidschans und dann in Deutschland bzw. weltweit durchzusetzen? Gibt es da Unterschiede zu Männern?
AZIZA: Ich weiß nicht. Es gibt sicher gewisse Probleme, wenn eine Frau zu dominant ist. Das macht Männern immer Schwierigkeiten. Mich schert das aber nicht.
intimacy-art: Ich denke auch: Sie haben die richtigen Art, die Dinge zu bekommen, die Sie wollen.
ELIZA: Genau.
AZIZA: Wahrscheinlich.

Aziza - sanft und tough zugleich

intimacy-art: Sprechen Sie zu Aziza in derselben Weise wie zu Vagif? Ist die Art der Beratung die gleiche?
ELIZA: Meistens, ja, aber Aziza ist komplizierter.... Entschuldige bitte, Aziza.
AZIZA:
Das ist der Unterschied zwischen Mann und Frau.

ELIZA: Nicht nur deshalb. Vagif war einfach ein sanfterer Mensch.
AZIZA: Er war sanfter, das ist wahr.
ELIZA: Ich sage mir oft: Aziza ist nicht meine Tochter, sie ist meine Musikerin. Aziza ist sehr tough, manchmal.
AZIZA: Das tut mir leid.
ELIZA: Wenn sie etwas nicht mag, versuche ich daher subversiv und suggestiv auf sie einzuwirken. Ich grabe mich nach unten in der Argumentation und gebe ihr Zeit zum Überlegen. Denn wenn sie etwas nicht sieht, oder dafür noch nicht bereit ist, kann sie es nicht annehmen.
AZIZA: Ja, dann gibt es keine Chance, mit mir darüber zu reden. Deshalb haben die Männer Angst vor mir.
intimacy-art: Das kann ich mir vorstellen. Mich wundert aber, wie fein, sanft und bescheiden Sie beim Reden während des Konzerts sind.
AZIZA: Das ist keine normale Konversation.
intimacy-art: In der Musik sind Sie aber dann wieder total aggressiv, die Stimme wird tief und kraftvoll. Und ich dachte mir dabei, wie komisch es ist, in wieviele verschiedene Arten Sie mutieren.
AZIZA: Ähnlich wie im Leben. Ich möchte sein wie ich bin, zu Leuten sprechen, in einer normalen, verständlichen Sprache, aber auf keinen Fall irgendwelche Rollen auf der Bühne spielen. Nichts darf konstruiert sein. Alles muß sein wie es ist. Wir dürfen keine Sonne zeichnen, keinen Star, indem wir Farben verändern. Wenn eine Stimmung ihre Zeit hat, kommt sie genau so, ob zur Nacht- oder Tageszeit. Es muß bleiben, wie es ist. Und Reden an sich, das muß ich: Sagte ich gar nichts, wäre ich ein kalter Künstler. Meine Mutter sprach auf der Bühne auch schon. Denn
während des Konzerts, war meine Mutter als Sängerin...
ELIZA: ... auch Moderatorin.
AZIZA: So wie: "Jetzt hören Sie das Stück", .... den neuen Stil meines Vaters, "Begründer des Azeri-Jazz...", sie erklärte es dem Publikum, das noch nichts wußte. Als normaler menschlicher Dialog mit Emotionen und ohne Bühnengrenze.

(Interview-Auszug vom 26.10.2004, voll Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at

Saturday, October 07, 2006

"Wir waren eine geächtete Familie", Aziza Mustafa Zadeh Teil 3




AZIZA MUSTAFA ZADEH und ihre Mutter ELIZA im Gespräch mit ELFI OBERHUBER: Für Einführung und Teile 1+2 scroll down!

Aziza findet Halt im Schamanismus


Photo: Aziza Mustafa Zadeh (© Gai Jeger)

intimacy-art:
Es ist ziemlich außergewöhnlich, dass eine Klassik-Jazz-Pianistin über Schamanismus und schamanische Spiritualität redet. Vielleicht entspricht das ja Ihrer Natur, solche Dinge zu spüren. Vielleicht liegt der Auslöser aber im Tod Ihres Vaters?

AZIZA:
Vielleicht. Ich glaube, jemand, der seine Eltern oder einen Teil davon verloren hat, versucht eine spezielle Kraft hervorzurufen, um sich selbst zu helfen. Was ich auch wollte. Ich wollte ihn zurück haben, auf irgendeine Weise. Physisch war es nicht möglich, spirituell schon. Die Schamanen verhalfen mir zu seinem Geist, sodass ich mit ihm reden kann, wannimmer ich will.

ELIZA:
Manchmal haben Aziza und ich eine komplizierte Sache durchzufechten, und ich sage, “vielleicht machen wir das und das", dann rutscht mir “Vagif... oh, entschuldige..." heraus. Ich glaube also auch, Vagif ist hier. Sonst gäbe es das nicht, dass ich immer zu ihm rede.
intimacy-art: Vielleicht ist das auch für Sie, Eliza, eine Art von Halt.
AZIZA:
Sicher.

ELIZA:
Er ist unser stabiler Punkt, ja.

intimacy-art: Aziza, Sie sagten während Ihres Konzerts, Sie hätten neben dem Engel auch das Teufelchen in sich ...
AZIZA:
Wie jeder. Jeder ist gut und schlecht.

intimacy-art:
Ist der Teufel die rebellische Person in Ihnen, die Sie auch künstlerisch beeinflußt?

AZIZA:
Vielleicht. Das ist wie in der Elektrizität mit Plus und Minus.

intimacy-art: Das alles klingt recht antiklerikal. Sind Sie keine Moslem?
AZIZA:
Nein, ich gehöre keiner Religion an. Ich glaube nur an meinen Gott, nicht an die Bibel oder anderes Niedergeschriebenes.

intimacy-art: Und früher in Rußland, da hatten Sie ja keine Religion, oder?
AZIZA: Es gibt viele Religionen in Rußland.
intimacy-art: Ja, jetzt ...
AZIZA:
Auch in meiner Heimatstadt Baku, die Russische Kirche, Synagoge ...

intimacy-art: Gab es das auch während der kommunistischen Sowjet-Regierung?
AZIZA:
Ja.

ELIZA:
Ja, immer.

AZIZA:
Es war eine religiöse Demokratie. Das war gut.

intimacy-art:
Ich dachte, Religion war bei den Russen verboten.

AZIZA:
Nun, für jemanden, der den Partei-Schein hatte, also der Kommunistische-Partei-Angehöriger war, war es nicht erlaubt, zur Kirche zu gehen. Doch einige von ihnen gingen heimlich.

ELIZA:
Normale Bürger konnten schon gehen.

AZIZA:
Ich verstehe nicht, warum die Kommunisten einerseits sagten, “wir sind Atheisten", und andererseits für Lenin ein Mausoleum bauten, um ihn anzubeten: “Unser Lenin",rufen sie. Das ist ja genauso religiös. Vielleicht hätte der arme Lenin ein normales Begräbnis gebraucht. Und vielleicht gibt es deshalb so viele unglückliche Menschen in Rußland. Denn er müßte als Mensch doch zur Erde werden.

intimacy-art:
Haben Sie kein Begräbnis in Rußland?

AZIZA:
Doch sicher, aber der arme Lenin nicht. Er ist im Mausoleum.

ELIZA: Leute aus verschiedensten Religionsrichtungen kritisieren das.
AZIZA:
Der Mensch muß zur Erde kommen, zu unser aller Mutter, und dann kommt er in den Himmel. Vielleicht leidet Lenins Geist!


Aziza wartet auf ihren Engel-Mann


intimacy-art:
Das ist auch ein eigenartiges Phänomen an Ihnen, dass Sie wie eine Predigerin auf der Bühne wirken, indem Sie für das Gute im Menschen plädieren ....

AZIZA:
Das bringt die Musikrichtung Mugam mit sich: es ist ein Gebet. Wir preisen darin Gott, bekennen uns zur Liebe, zur Erde, zu Gott, zum Himmel, zu den Eltern, zum Geliebten.
intimacy-art: Möchten Sie eines Tages selbst Mutter sein und eine Familie gründen?
AZIZA:
Ich glaube nicht.

intimacy-art: Nein?
AZIZA: Es existiert kein Mann, der zu mir paßt.
ELIZA: Oh, mein Gott!
intimacy-art: Vielleicht später.
AZIZA:
Vielleicht kommt ein Sternen-Mann vom Himmel. Bisher traf ich keinen, der ausreichend Kavalier und Gentleman war.

intimacy-art:
Sie brauchen also einen altmodischen Mann mit Mannieren.

AZIZA:
Jedenfalls keinen, der nur meinen Körper und meine Position liebt. Tatsächlich brauche ich ja überhaupt niemanden. Aber wenn, dann einen, der sehr gesund denkt, Musik und Natur liebt, der keine Tiere ißt und sauber ist .... Eine lange Liste.

ELIZA: Unmöglich zu erfüllen.
intimacy-art: Fühlen Sie sich nie einsam?
AZIZA:
Nein, ich liebe Tiere.

intimacy-art: Das ist typisch für den Schützen.
AZIZA:
Genau, Schütze. Das sind wir beide.

intimacy-art:
Ja, ich weiß.

ELIZA:
Das wissen Sie?

intimacy-art: Ja. Ich las es.
ELIZA:
Zwischen uns liegen zwei Tage.

intimacy-art:
Ja. Aber was war Ihr Vater?

AZIZA:
Mein Vater war eine Ausnahme für meine Mutter. Das war das perfekte Ehepaar.

intimacy-art:
Wann hatte er Geburtstag?

AZIZA:
Am 16. März.

intimacy-art:
Ein Fisch.

ELIZA:
Das weiß ich gar nicht mehr.

AZIZA:
Er war der größte Fisch, ein goldener Fisch.

intimacy-art:
Sehr interessant. Aber das alles ist typisch für den Schützen: er reist gerne um die Welt, ist freiheitsliebend, künstlerisch, er liebt Tiere, glaubt an das Gute im Menschen und ist diesbezüglich sehr idealistisch und vertrauensselig.

AZIZA: Absolut wahr, ja.

Lesen Sie in Teil 4 demnächst auf dieser Site: Wie Aziza sich in Deutschland und als Frau durchsetzt
(Interview-Auszug vom 26.10.2004, voll Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at

Thursday, September 07, 2006

"Wir waren eine geächtete Familie", Aziza Mustafa Zadeh Teil 2




AZIZA MUSTAFA ZADEH und ihre Mutter ELIZA im Gespräch mit ELFI OBERHUBER: für Einführung und Teil 1 scroll down!

Aziza widersetzt sich dem Regime

Photo: Aziza Mustafa Zadeh (© Gai Jeger)

intimacy-art: Jetzt müssen wir aber doch noch über Ihre Vater-Beziehung sprechen, da sie so bedeutend für Ihre frühere Zeit war. Wenn Sie an ihn denken, welcher Moment mit ihm gab Ihnen sehr viel? Eine Situation, wo Sie in der Erinnerung einen liebenden Moment in sich spüren?
AZIZA: Das waren die paar Aufführungen, die wir gemeinsam hatten. Ich erinnere mich wie gestern an unser erstes Konzert, wo ich mit drei Jahren mit ihm auftrat, und genauso an unser letztes Jazzfestival in Tiflis, als ich sieben oder acht war und Fieber hatte. - Das waren die süßesten Konzerte unserer gemeinsamen Auftritte. Mein Vater war ganz bescheiden und schüchtern und dachte, jetzt ist er ein Jazzer und mit seiner Tochter auf der Bühne und wußte nicht recht, ob das richtig war. Meine Mutter Eliza aber sagte: “Mach Dich nicht verrückt damit, laß sie einfach auftreten." Doch ich kämpfte auch um meinen Auftritt und sagte: “Ihr seid eifersüchtig, ihr singt und spielt und mich laßt ihr nicht auf die Bühne...!"
ELIZA: Aziza kämpfte jeden Tag darum. Ich muß raus, ich muß... aber Vagif war sehr verhalten darüber.
AZIZA: Da das Sowjetsystem keine Familie auf der Bühne akzeptierte.
ELIZA: Das wurde als "unmöglich" angesehen, als große Schande, als Familie auf der Bühne zu sein. Nur eine Person war erwünscht, nicht zwei.
AZIZA: Oder gar drei.
intimacy-art: Aus welchem Grund?
ELIZA: Hier ging es rein um Unterdrückung. Das brauchte keinen Grund. ­ Ich dachte mir aber: "Wenn ich Künstlerin bin, mein Mann Künstler ist, und sich unsere Tochter als Künstlerin entwickelt, warum nicht?" - Ich verstehe das bis heute nicht.
intimacy-art: Vielleicht durfte eine Familie als Einheit nicht so große Macht erlangen?
AZIZA: Ach, ich denke, das war einfach eine Art von begrenzter Sicht dieser kommunistischen Bürokratie. Es war unwichtig, was zwischen Familie und Kunst für Zusammenhänge bestanden.
intimacy-art: Normalerweise ist es ja logisch, dass Kunst für Mitglieder einer Künstlerfamilie naheliegend, und umso besser wird.
ELIZA: Sie wollten, glaube ich, einfach nicht, dass ein Beruf von mehr als einem in einer Familie ausgeführt wird. Das mochten sie nicht.
intimacy-art: Diese Zeit ist aber, glaube ich, vorbei.
AZIZA: Hoffentlich.
ELIZA: Gott sei Dank.
intimacy-art: Ist es aber nicht auch eine Form von Druck, diese ganze Situation? Einerseits haben Sie den Stil Ihres Vaters, dann dieser Schock, als er starb, sodass Sie den Zwang hatten, seine Kunst fortsetzen zu wollen ...
AZIZA: Als mein Vater starb, begann ich allerdings nicht gleich, Jazz zu spielen, sondern erst viel später. Nach drei bis vier Jahren, auch wieder ab einem bestimmten Moment. Es war März ...
intimacy-art: Hatten Sie wieder eine Inspiration, oder was? Hörten Sie einen bekannten Jazz-Musiker?
AZIZA: Nein, das war nach einem schlechten Konzert, wo meine Mutter unbedingt gewollt hatte, dass ich auftrete. Ich fühlte mich dabei aber nicht wohl und nicht bereit dafür. Das Publikum war zwar zufrieden, ich aber nicht.
intimacy-art: Spielten Sie ein klassisches Stück?
AZIZA: Nein, ich mußte Vaters Stück spielen, mein Stück, und noch etwas... doch ich war dabei sehr unmotiviert. Und ich warf meiner Mutter vor: “Warum zwingst du mich zu spielen?" Ich war sehr, sehr unglücklich...
ELIZA: Weil jeder anrief und drängte: “es ist unmöglich, dieses Konzert abzusagen!", “bitte versuche es", denn es war noch immer dieses Sowjet-System, und die Sowjets sind so stolz, “unser kleines Genie!", ...
AZIZA: Schrecklich.
ELIZA: ... “ein großes Regierungskonzert", ... “es ist nicht leicht, da überhaupt eingeladen zu werden! Und Du bist Mitglied dieses Regierungskonzerts!"... “große, große Namen werden da sein, Du mußt präsentieren, repräsentieren!"... Sie riefen mich andauernd an und bedrängten uns, “bitte kleine Aziza!"... doch Aziza sagte: “Nein, ich gehe nicht! Ich mag dieses Konzert nicht!"
intimacy-art: Wie alt waren Sie da?
AZIZA: Ich glaube 13 oder 14.
intimacy-art: Schrecklich.
AZIZA: Zuvor war es also noch so gewesen, dass ich mich nicht bereit für Jazz gefühlt hatte. Doch mit diesem Tag war es dann so weit. Mit Jazz-Singen begann ich schon viel früher, das war komisch. Beim Jazz-Spielen wollte nur meine linke Hand damit beginnen. Nur wie bei einem Bass-Spieler. Wahrscheinlich hörte ich dabei meinen Vater sagen: “Du hast nicht genug Kraft, dich zu trauen, am Piano zu improvisieren." Denn ich wußte schon als ganz kleines Kind, dass er da unglaubliche, fantastische Sachen am Klavier kreierte. An meinen Vater heranzukommen, war für mich unmöglich. Einmal rief er mich zu sich und sagte:“Setz dich jetzt her und spiel!" Und ich sagte: “Ja, jetzt werde ich beginnen." Ich hörte in mir alles, sah diese weißen, schwarzen, schönen Tasten und dachte, “ja, warte, ich werde spielen". Ich rieb meine Hände an den Schenkeln... und einmal war er wirklich böse mit mir... er sagte: “Spiel, jetzt!" Er schrie. Und ich wimmerte: “Nein, ich kann nicht!" Und er meinte: “Raus mit Dir!" Nach fünf Minuten kam er wieder, gab mir ein Bussi und sagte, “meine kleine Tochter..." In unserer Familie vergißt man nach zwei Minuten, dass man geschrien hat... Aber daran erinnere ich mich gut... und dann starb er. Und einige Jahre später begann ich zu spielen. Mit 15 tatsächlich zu improvisieren.
ELIZA: Manchmal ist es auch gut, Aziza zu provozieren. Vielleicht war es diese große Provokation, dass Du dieses Konzert nicht mögen mußtest.
AZIZA: Ja, da haßte ich sogar meinen Stil. Was etwas Schreckliches für einen Künstler ist. Du kannst dir das dann selbst nicht verzeihen.
ELIZA: Du denkst, du könntest besser sein, aber es geht jetzt und so nicht, unter diesen Bedingungen, an diesem Ort.
AZIZA: Das ist ein Terror.

Lesen Sie in Teil 3 demnächst auf dieser Site: Schamanismus als psychotherpeutischer Halt
(Interview-Auszug vom 26.10.2004, volle Länge in Print(Deutsch+Englisch)/Audio(Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Wednesday, September 06, 2006

"Wir waren eine geächtete Familie", Aziza Mustafa Zadeh Teil 1


photo: Aziza Mustafa Zadeh (© Gai Jeger)


Interview von ELFI OBERHUBER mit der Jazz-Pianistin und -Sängerin AZIZA MUSTAFA ZADEH. Als Tochter eines rebellischen Jazz-Pioniers kehrte sie zusammen mit ihrer Mutter ELIZA den Schikanen des Sowjetregimes den Rücken! Hier erzählt sie vom Leid, das es ihr und ihrer Familie
angetan hat.
Ein Gespräch in vier Teilen.

Kurzprofil AZIZA MUSTAFA ZADEH: Jazz-Pianistin und -Sängerin , geb. 1969 (Sternbild Schütze), stammt aus Baku/Aserbaidschan. Ihr Vater, Vagif Mustafa Zadeh, brachte als Komponist und Pianist den Blues nach Aserbaidschan und gilt als Begründer des Azeri-Jazz. Er nannte seine Tochter “Jazziza". Mutter Eliza war klassische Sängerin in Georgien. Nachdem sie Vagif kennen und lieben gelernt hatte, trat sie mit ihm auf und sang Mugam-Jazz. Vagif stirbt mit 39 auf der Bühne, worauf sich Eliza ausschließlich auf die Karriere der Tochter konzentriert. Von Bach, Chopin und den Werken des Vaters, weitet die heute in Deutschland lebende, improvisierende Pianistin, Komponistin und Sängerin Aziza, ihren Klassikeinfluß zu Piazolla und italienischen Opernkomponisten auf ihrem morgenländischen Jazz-Blues-Mugam-Scat-Teppich aus. Viele Preise: u.a.Siegerin im Thelonious-Monk-Klavier-Wettbewerb, Echo-Award für das Album “Always". 7 CDs: “Aziza Mustafa Zadeh", “Always", “Dance of Fire", “Seventh Truth", “Jazziza", “inspirations, colors & reflections", “Shamans". 2006 erschien ihre CD “Contrasts" - Grenzgang zwischen Jazz und Oper - in Anspielung an Maria Callas und Mutter Eliza.


Musikverbot trieb Vater in den Tod

intimacy-art: Als Sie Maria Callas gehört hatten, wollten Sie plötzlich wie Ihre Mutter Oper singen?
AZIZA MUSTAFA ZADEH: Ja, denn Maria Callas zu hören, war eine so starke Eingebung als wäre ich “vergiftet" worden, stärker als je zuvor. Es geschah vom einen Tag auf den anderen: An Callas´ Geburtstag, dem 2. Dezember, vor zwei Jahren. Von diesem Tag an änderte sich mein Leben. Allein darüber zu sprechen, regt mich wieder so auf, dass meine Hände zittern. Da wirkt etwas auf mich, das ich nicht erklären kann.
intimacy-art: Callas ist eine Göttin, auch bei uns.
AZIZA: Ihre spirituelle Kraft ist so stark, als wäre sie im Moment unter uns.
intimacy-art: Würden Sie gerne in der Oper auftreten?
AZIZA: Falls ich physisch noch kräftig genug werde und noch lange lebe, dann ja.
ELIZA: Denn für die Oper braucht man viel Kraft.
AZIZA: Noch dazu, da mir der Jazz immer gleich wichtig sein wird. Denn der Geist meines Vaters lässt mich nicht los und ist ebenfalls immer um mich.
intimacy-art: Es war sicher ein Schock für Sie als Kind, als Ihr Vater starb. Aber da ist nun die lebende, reale Mutter, die als Ihre Managerin mit Ihnen arbeitet.
AZIZA: Ja.
intimacy-art: Insofern verstehe ich den Wechsel zur Oper.
AZIZA: Definitiv.
intimacy-art: Vielleicht brauchten Sie so viel Zeit, um das verarbeiten zu können. Und zwar mittels Ihrer Kunst.
AZIZA: Eliza ist für mich Musikerin und Freundin zugleich. Mit ihr kann ich mich viel stärker fühlen. Und jeder Musiker braucht eine Person, der er vertrauen kann: musikalisch und im Leben. Das ist heute auch so etwas Besonderes, da nicht jedes Kind seiner Mutter vertrauen kann. Denn das Leben hat sich geändert. Westen und Osten sind unterschiedlich, wobei der Westen prinzipiell unabhängiger ist. Doch für Ost und West gilt: Die Generationen ähneln einander nicht mehr, gehen nicht denselben Weg. Nicht wie früher, als die ganze Familie in einem großen Haus lebte. Deshalb bin ich umso glücklicher darüber, dass wir zwei noch immer zusammen arbeiten. Und für meinen Vater hatte Eliza dieselbe Bedeutung. Beim Komponieren schrie er plötzlich auf, als wäre ein großes Desaster passiert: “Eliza!"
ELIZA: "...komm her zu mir, schnell, schnell, sonst verliere ich es wieder!"
AZIZA: Dabei sorgte sie sich besonders um seine Herzprobleme...
intimacy-art: ... er hatte die Herzprobleme also prinzipiell, nicht nur wegen dem Stress?
AZIZA: Er hatte zwei Herzattacken. Die zweite war seine Letzte. Die erste hatte er, als meine Mutter mit mir schwanger war. - Unser Leben war von Schock, Kampf und Schmerz gezeichnet. Das macht dich aber stärker auf gewisse Weise.
ELIZA: Das ist wahr.
intimacy-art: Sie sagten jedoch einmal, dass möglicherweise das Regime der Sowjetunion Ihren Vater in den Tod getrieben hätte.
AZIZA: Ja, er hatte Stress. Und sein größter Stress war es, nicht in den Westen reisen zu dürfen, und dass ein Jazzer für das Regime generell als Bandit galt: mein Vater spielte Jazz und sah nicht sowjetisch, sondern mit dem Haar eines Südafrikaners, dem großen Schnurrbart und den schwarzen Augen, wie ein Südamerikaner aus. Er mochte es auch, sich strahlend anzuziehen: rot und schwarz. Also gab man ihm den Zweitnamen “Americano". So spielte er also im einen Moment Jazz und mußte sich im nächsten die Realität seines Vaterlandes vergegenwärtigen. Allein über diese Problematik zu sprechen, war schrecklich...
ELIZA: Yes, forget it.
AZIZA: “Jazz is the music of black people!", diese schönen schwarzen Menschen, die Seele der Traurigkeit. Blues und Jazz, das ist mit Schmerz verbunden, der meinen Vater ständig umgab - und anzog.
ELIZA: Das harte Leben.
intimacy-art: Und Sie aber, Eliza, sangen Sie Puccini und all die anderen westlichen Klassiker, als Sie jung waren?
ELIZA: Ja, sicher.
intimacy-art: In Rußland?
ELIZA: In Georgien.
intimacy-art: War dem Regime die West-Klassik gefälliger als der Jazz?
ELIZA: Georgien bildete insgesamt eher eine Ausnahme. Die Georgier sind sehr freie Menschen. Ich sang dort Puccini, Verdi, usw., worin ich auch eine klassische Ausbildung hatte. Das war einmal mein Traum, und jetzt warte ich auf Aziza.
AZIZA: Doch für mich sind das “mein Jazz-Puccini", “mein Jazz-Verdi" ...
ELIZA: Denn zwischen Klassik und Jazz gibt es einen großen Zusammenhang.
AZIZA: Ich finde überhaupt, dass Callas´ Stimme zwar eine klassische Stimme ist, sie ragt aber gleichzeitig als Jazz-Stimme absolut heraus. Sie liegt sozusagen dazwischen.
ELIZA: Außerdem: Wer Musik liebt, findet in jedem Musik-Stil die Schönheit. Und wenn du Rap magst, magst du auch Mugam, da Mugam natürlicher Rap ist. Niemand weiß allerdings, was Mugam ist. Und wenn Mugam-Leute rappen, erkennen es vor allem die Amerikaner nie.
intimacy-art: Sie hatten also den Sprechgesang in Persien früher als die Amerikaner?
AZIZA: Wir hatten ihn schon vor vielen tausend Jahren.


Lesen Sie auf dieser Site in Teil 2: Aziza widersetzt sich dem Regime-Druck
(Interview-Auszug vom 26.10.2004, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)